Fehlermeldung

Deprecated function: The each() function is deprecated. This message will be suppressed on further calls in _menu_load_objects() (line 579 of /var/www/vhosts/g20hamburg.org/httpdocs/includes/menu.inc).

Eine kurze Gebrauchsanweisung für das Gefängnis

Druckversion
Selahattin Demirtaş, der Ko-Vorsitzende der türkisch-kurdischen HDP, sitzt seit mehr als 230 Tagen im Hochsicherheitsgefängnis in Edirne ein – eine Flaschenpost voller Mut an uns alle
Selahattin Demirtaş
Selahattin Demirtaş und der HDP-Abgeordnete Abdullah Zeydan beim Hofgang im Gefängnis von Edirne im März 2017.

Selahattin Demirtaş, der Ko-Vorsitzende der türkisch-kurdischen HDP, sitzt seit mehr als 230 Tagen im Hochsicherheitsgefängnis in Edirne ein. Jeden Tag werden in der Türkei Menschen verhaftet. Weil sie öffentlich etwas schrieben, weil sie ein zerstörtes Haus fotografierten, weil sie ein kurdisches Lied hörten, weil sie in den sozialen Medien einen Post oder einen Tweet likten, weil sie eine Smartphone-App benutzten, weil sie aus der falschen Stadt oder dem falschen Dorf kommen, weil sie Kurd*in sind oder kein Erdoğancı (Erdo-Fan). Sie alle kommen hinter Gitter, mal länger, mal kürzer – für viele ist es echtes Neuland, denn heute kann es in der Türkei wirklich jede*n treffen. Und an all diese Menschen, die noch nicht von der allgegenwärtigen Drohung entmutigt wurden, hat Selahattin Demirtaş eine Gebrauchsanweisung für das Gefängnis in der linken Tageszeitung BirGün geschrieben: Was heißt es verhaftet zu werden? Was ändert sich, was bleibt? Und: Gibt es gar Vorteile? Diese Gebrauchsanweisung macht auch uns Mut, wenn wir nach Hamburg kommen. Natürlich ist Scholz nicht Erdoğan, aber auch er setzt die Demokratie außer Kraft, um sich und seine internationalen Gäste angemessen zu begrüßen – denn viele, die kommen, lieben es nicht besonders, wenn sie Zuhause kritisiert werden: Putin, Trump und natürlich der Sultan selbst. Der G20-Gipfel wird ein Gipfel aller Proteste – das ist jetzt schon klar – und viele von uns laufen Gefahr, auch mal verhaftet zu werden. Nicht für Wochen, aber schon für Stunden oder ein, zwei Tage. Einen Gipfelsonderknast gibt es bereits; leider nur einen öden alten Großmarkt und kein Fußballstadium – aber so im Freien, das wäre dann doch ein Tick Chile zu viel, auch für unseren Scholz. Trotzdem sind viele unsicher, was sie konkret erwartet. Da tut es mehr als gut, wenn uns jemand in einer weitaus schlechteren Situation zeigt, dass man auch in der Haft seinen Humor nicht zu verlieren braucht. Selahattin Demirtaş rät uns, der Zeit in der Gefängniszelle sogar etwas abzugewinnen – und sei es nur die digitale Stille, Denn unsere freien Gedanken und Freundschaften können sie uns sowieso nicht nehmen. Lieber Selahattin, wir sind aus guten Gründen keine Partei, aber wären wir eine, wir würden Dich doch glatt auch zu unserem Vorsitzenden wählen. Danke für diese wundersinnigen Zeilen und wer jetzt ganz konkrete Fragen hat, was im Fall einer Festnahme in Hamburg zu tun ist, der wende sich vertrauensvoll an den Ermittlungsausschuss Hamburg(link is external). Hier wird euch geholfen.

Eure Interventionistische Linke

Selahattin Demirtaş in der Zeitung BirGün:

Meine Inhaftierung dauert nicht lang genug an, um mich das blühende Leben draußen vergessen zu lassen. Und es ist auch nicht lang genug, sodass ich hochtrabend über Gefängnisse reden könnte, in einem Land wo Menschen für mehr als 25 Jahre inhaftiert sind. Aber meine Beobachtungen über die Gefangenschaft festzuhalten ist dennoch meine Pflicht.

Einer der gewünschten Effekte unserer Gefangenschaft ist die Verbreitung von Angst unter der Bevölkerung und die Unterdrückung aller durch die Androhung der Inhaftierung. Da dass der Fall ist, denke ich, dass wir dieses Ziel untergraben sollten. In jedem Fall wird das sein, was sein soll.

Wenn wir es schaffen durch die Atmosphäre der Angst zu brechen und in die Phase der Tapferkeit einzutreten, ist es besser sich über die Angst lustig zu machen, als, vor lauter Angst vor einer möglichen Verhaftung, vor Ungerechtigkeit und Unrecht einzuknicken.

Ich schreibe das, sodass ihr neueste Informationen in der Hand habt, für den Fall, dass ihr auch inhaftiert werdet. Ich schätze mal, dass es nicht nötig ist, über die politischen Differenzen zwischen den Konzepten dessen, was man »innen« und »außen« nennt, zu schreiben. Um es genauer zu sagen gibt es keine Differenzen, die es wert wären über sie zu schreiben. Ich werde hier viel mehr über die alltäglichen Unterschiede schreiben und ihr merkt euch einfach die, die ihr nützlich findet.

Bei eurem ersten Betreten des Gefängnisses untersuchen sie euch und beschlagnahmen alles, was man nicht mit rein nehmen darf. Sie können aber nicht eure Gedanken beschlagnahmen, die als der Grund für eure Inhaftierung genannt werden; ihr könnt diese mitnehmen. Das ist eine interessante Praxis.

In den Anfangstagen, wenn man euch aus dem Zimmer bringt, für ein Treffen mit Eurem Anwalt oder ähnliches, kann es sein, dass ihr plötzlich im Flur Eure Taschen kontrolliert – in Sorge, ob ihr eure Schlüssel im Inneren der Zelle vergessen habt. Verfallt nicht in Panik! Hier sind viele Schlösser, aber hier ist kein Schlüssel!

Diejenigen, die euch besuchen kommen, die finden euch jederzeit ohne Schwierigkeiten. Niemand sagt ihnen an der Gefängnistüre »Nun, der Herr/die Frau ist derzeit aufgrund eines Meetings nicht erreichbar«. Genauso ist hier auch niemand, der ihnen sagt »Sie/Er ist im Jahresurlaub; wir werden ihr/ihm Ihre Nachricht gerne weiterleiten, wenn sie möchten«. Ich meine, es gibt keinen Platz wohin ihr fliehen könnt.

Selbst wenn ihr von dem Schlag seid, der draußen nicht sonderlich geliebt und respektiert wird, seid nicht traurig. Denn hier rufen sie euren Namen mindestens zweimal am Tag, das ist besser als nichts. Versucht einfach ein bisschen Freude daran zu finden.

Hier gibt es keine Sorgen über leere Akkus; euer Handy-Akku geht hier niemals leer. Entspannt euch, es gibt keinen Grund dafür, sich Druck zu machen.

Und wenn die Dinge sich ein bisschen zuspitzen, können sie euch hier auch nicht das Internet abschalten. Es ist wirklich ein schönes Gefühl und es gibt einem einen kleinen Hauch Freiheit.

Hier werden sogar die berücksichtigt, die sich sonst beschweren, niemals im Fernsehen gewesen zu sein. Hier sind Kameras, die euch 24h aufnehmen und hier sind auch Freunde, die euch mit voller Aufmerksamkeit vor dem Bildschirm beobachten. Genießt es einfach!

Freunde, die sich täglich abhetzen, um den Bus oder die Fähre nicht zu verpassen: Das hier ist genau der richtige Ort für euch! Denn das Gefährt geht nie los, ohne euch mitgenommen zu haben. Man kümmert sich hier sehr um die Belange der Mitfahrer.

Seid ihr schon mal an den Punkt gekommen, wo ihr nirgendwo mehr ohne ein Navigationssystem hingekommen seid? Keine Sorge: Mindestens 4 Wächter bringen euch persönlich überall hin. Ihr werdet Freunde haben, die sagen »Ich glaube, jemand klopft grad an die Türe, kannst du sie kurz aufmachen?« Fallt niemals darauf rein!

Wenn ihr ein Klirren in der Nacht hört, könnt ihr euch sicher sein, dass es kein Räuber ist. Es gibt Räuber in Gefängnissen, aber die verbleiben in anderen Räumen. Und es gibt hier sowieso nur Kleinkriminelle. Die richtig großen, die werden hier nie reingebracht, also darüber müsst ihr euch keine Sorgen machen.

Hier kann euch niemand drohen, indem sie sagen »Wir werden dich verhaften, Mann«. Das ist ein vollkommen anderes Gefühl!

Die, die sich über Nachrichten aufregen, die ihr seit 10 Minuten nicht beantwortet habt! Hier dauert es mindestens einen Monat, bis euer Brief versendet wurde und ihr eine Antwort erwarten könnt. So ist es gut zur Aggressionsbewältigung.

Auf die Einkaufsliste für die Kantine dürft ihr nie sowas wie »Pickel, Säge, oder Hammer und Sichel« schreiben. Diese Schurken werden sie nicht rausrücken! Hier sind Manager, Direktionsassistenten und Lehrer; aber denkt nicht, dass ihr hier ein Zeugnis kriegt und Pause machen dürft! Die vergeben sie auch nicht, das steht fest.

Selbst wenn ihr angebt und sagt »Na und, mein Bruder? Ich bin der Schwiegersohn einer Familie aus Lice«, wird das nicht klappen. Macht euren Schwiegervater nicht allzu vorschnell dafür verantwortlich. So ist das System.

Die aus Izmir nennen hier »çekirdek« (Sonnenblumenkerne) auch »çiğdem« (Krokusse). Ich schätze das ändert nicht viel. Auch hier gilt: »Das Leben ist kurz und die Vögel fliegen« und »Selbst wenn du ein Drache bist, hat das keinen Einfluss auf die Nächte.« Und auch hier: »Die wahre Liebe gibt nie auf.«

Übersetzung: Dastan Jasim

Original: BirGün, 17.6.2017; http://www.birgun.net/haber-detay/cezaevi-kullanma-kilavuzu-165215.html(link is external)

Bild: Selahattin Demirtaş und der HDP-Abgeordnete Abdullah Zeydan beim Hofgang im Gefängnis von Edirne im März 2017.

off